Von Dr. Herbert Pohl, CEO Deutsche ErdWärme
Beim VKU Stadtwerkekongress 2026 in Berlin war die Wärmewende so präsent wie selten zuvor. In den Gesprächen, Vorträgen und Diskussionen wurde deutlich: Die Frage, ob die Wärmeversorgung klimaneutral werden muss, steht nicht mehr im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, wie wir die ambitionierten Ziele in konkrete Projekte übersetzen. Für mich haben sich aus den beiden Tagen fünf zentrale Erkenntnisse ergeben.

1. Die Stadtwerke stehen hinter der Wärmewende
Die Stadtwerke bekennen sich zum Ziel einer klimaneutralen Wärmeversorgung bis 2045. Das ist eine gute Nachricht. Gleichzeitig ist vielerorts noch nicht klar, wie der Weg dorthin konkret aussehen wird und ob die gesteckten Ziele im vorgesehenen Zeitraum erreicht werden können. Eine aktuelle Kommunenbefragung des Kompetenzzentrums Kommunale Wärmewende (KWW) und der Deutschen Energie-Agentur (dena) unterstreicht diesen Eindruck. Nur 46% der Befragten halten das Zielszenario zur Wärmewende ihrer Kommune für realistisch.
Hierin liegt eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre. Die kommunale Wärmeplanung gibt einen verbindlichen Rahmen vor. Jetzt müssen daraus investierbare und technisch umsetzbare Projekte werden. Dafür braucht es realistische Zeitpläne, klare Prioritäten und vor allem Rahmenbedingungen, die langfristige Entscheidungen ermöglichen.
2. Investitionssicherheit braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Das regulatorische Umfeld wird klarer, aber an entscheidenden Stellen besteht weiterhin Handlungsbedarf. Ein gutes Beispiel ist die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW). Der Haushaltsvorbehalt und die jährliche Budgetierung erschweren langfristige Investitionsentscheidungen unnötig – ein hausgemachtes Problem, das sich politisch lösen lässt.
Ein Beispiel: Mit Geothermie lassen sich in weiten Teilen Deutschlands Wärmenetze vollständig und bei stabilen Preisen dekarbonisieren. Die zur Realisierung dieser Potenziale notwendigen langfristigen Investitionen werden durch regulatorische Unsicherheiten behindert und vielversprechende Projekte bleiben auf der Strecke. Im Kern ist es simpel: Wenn wir als Standort für langfristige Investitionen in die Wärmewende attraktiv sein sollen, muss der Staat dabei unterstützen, langfristige Investitionssicherheit zu schaffen.
3. Finanzierung wird zu einer Schlüsselfrage
Kaum ein Thema hat die Gespräche beim diesjährigen VKU Stadtwerkekongress so stark geprägt wie die Finanzierung. Das betrifft Eigenkapital ebenso wie Fremdkapital. Stadtwerke müssen enorme Investitionen in Netze, Erzeugung und Infrastruktur stemmen und gleichzeitig die regulatorischen Anforderungen der Daseinsvorsorge sowie die Erwartungen von Banken und Investoren erfüllen. Dabei entstehen teilweise erhebliche Zielkonflikte.
Öffentliche Mittel allein werden den notwendigen Kapitalbedarf nicht decken können. Deshalb müssen wir stärker privates Kapital für die Wärmewende mobilisieren. Dafür braucht es geeignete Strukturen. Projektgesellschaften können beispielsweise eine Möglichkeit sein, einzelne Vorhaben investierbar zu machen und Risiken sinnvoll zu verteilen. Gleichzeitig wird es für Stadtwerke wichtiger, selbst kapitalmarktfähige Strukturen aufzubauen. Gerhard Holtmeier, Sprecher der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung, brachte es auf den Punkt: „Die Zukunft unserer Stadtwerke entscheidet sich daran, dass unser Kerngeschäft auf Dauer tragfähig ist.“ Preisstabile Wärme aus Geothermie kann dabei helfen.
4. Jetzt beginnt die eigentliche Umsetzung
Mein vielleicht wichtigster Eindruck aus Berlin: Der Fokus verschiebt sich. Nach Jahren der Konzepte und Planungen geht es zunehmend um die Umsetzung. Und damit werden Fragen relevant, die sich auf dem Papier nur begrenzt beantworten lassen.
Welche Risiken treten in der Praxis auf? Wie entwickeln sich Kosten und Zeitpläne? Wie funktionieren Vergabe und Zusammenarbeit mit Auftragnehmern? Und wie lassen sich Risiken sinnvoll zwischen den Projektpartnern verteilen? Gerade letzteres gewinnt an Bedeutung, weil Auftragnehmer immer weniger bereit sind, umfangreiche Projektrisiken zu übernehmen und diese zunehmend beim Auftraggeber verbleiben.
Umso wichtiger wird der Austausch über konkrete Erfahrungen. Wir sollten nicht jedes Projekt bei null beginnen. Wenn Stadtwerke, Projektentwickler und andere Beteiligte offen über Erfolge ebenso wie über Herausforderungen sprechen, können wir als Branche schneller lernen und die Umsetzung der Wärmewende effizienter gestalten.
5. Geothermie ist angekommen
Besonders positiv war für mich zu sehen, welchen Stellenwert Erdwärme inzwischen in der Wärmeplanung einnimmt. Kaum eine kommunale Wärmeplanung kommt heute noch aus, ohne das Potenzial der Geothermie für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung zumindest zu prüfen.
Das ist ein positiver Trend. Ein erkanntes geologisches Potenzial allein macht allerdings noch kein erfolgreiches Projekt. Bei der tiefen Geothermie müssen Untergrund, Bohrtechnik, Wärmenetz, Wärmekosten, Finanzierung, Genehmigungen und Risikomanagement zusammengebracht werden. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, welche Zielhorizonte erschlossen werden können, welche Temperaturen und Fließraten realistisch sind, wie die Wärme in das vorhandene Netz integriert werden kann und welcher Wärmepreis sich daraus über die Laufzeit ergibt. Erst wenn diese Fragen gemeinsam betrachtet werden, wird aus einem geologischen Potenzial ein belastbares Projekt.
Mein Fazit aus Berlin: Die Wärmewende ist in den Köpfen und Strategien der Stadtwerke etabliert. Jetzt geht es um die Umsetzung. Im Bereich der Geothermie heißt das: Weg von der abstrakten Potenzialdiskussion, hin zu Erkundung, Finanzierung, Bohrung und stabiler Wärmeerzeugung. Dafür brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, neue Finanzierungsmodelle und vor allem den Mut, aus Planungen konkrete Projekte zu machen.
Sie beschäftigen sich mit der Frage, welche Rolle Erdwärme in Ihrer Wärmeplanung spielen kann? Dann sprechen Sie uns an: Kontakt zu Deutsche ErdWärme